Masterkolloquium 2015

Gesundheit, Körper, Biotechnologie: kulturanthropologische Perspektiven

Das Masterkolloquium „Gesundheit, Körper, Biotechnologie: kulturanthropologische Perspektiven“ ist als öffentliche Vortragsreihe konzipiert und wird von einem Tutorium (Mi 12-16) begleitet. Das am 22.4. beginnende Kolloquium findet im Sommersemester 2015 mittwochs von 18 Uhr bis 20 Uhr in Raum HZ 14 statt.

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29.04. | Meike Wolf & Kevin Hall (Universität Frankfurt) | „Ebola überall!“ – Biosicherheitsübungen und ihre raum-zeitlichen Arrangements

Experten im öffentlichen Gesundheitswesen sind sich heute darüber einig, dass neue und vermehrt auftretende Infektionskrankheiten eine bedeutende Bedrohung für die städtischen Bevölkerungen weltweit bedeuten. Insbesondere durch den transnationalen Handels- und Reiseverkehr sind Verkehrsknotenpunkte wie Frankfurt am Main besonders anfällig für Ausbrüche von Infektionskrankheiten; die Ausbrüche von SARS aber auch die H1N1 Pandemie zeigten dies. Vor diesem Hintergrund institutionalisieren die lokalen Gesundheitsbehörden Übungen für biologische Großschadenslagen. Die Übungen dienen dabei dem Zweck, Verbündete für die Entwicklung von Steuerungswerkzeugen und best practice Leitlinien sowie für den Aufbau von Expertennetzwerken zu finden. Dieses Vorgehen kann als Übersetzung potentieller zukünftiger Ereignisse in die Gegenwart beschrieben werden, um sie im Hier und Jetzt regierbar zu machen.

Mittels ethnographischer Methoden untersuchen wir anhand der Beispiele zweier Übungen des Krankenhauseinsatzplans und einer Schulung von Krankenhauspersonal wie sogenannte biopreparedness Notfallübungen die potentielle Neuentstehung und das vermehrte Auftreten von hochpathogenen Erregern als Domäne für technologische, soziale und biomedizinische Interventionen vollziehen. Alle drei Beispiele bedienen sich des gemeinsamen Ausbruchsszenarios mit hochpathogenen Infektionskrankheiten wie etwa Ebola, SARS, Krim-Kongo-Fieber oder Lassa. Zugleich sind die Übungen eingebettet in einer umfassenderen Ratio urbaner Vorbereitungen für den Notfall. Wir bedienen uns Andersons (2010) Systematisierungsversuchs raumzeitlicher antizipatorischer Handlungen, um drei Aspekte der Übungen zu diskutieren: Erstens, wie erzählen die Übungen die potentiellen Zukunftsszenarien; zweitens, wie werden diese potentiellen Zukünfte in den sozio-materiellen Anordnungen vergegenwärtigt; drittens, wie sind die Übungen in die Politiken der urbanen Notfallvorsorge und -vorbereitungen eingebettet.

Der Vortrag stellt vorläufige Ergebnisse unseres laufenden kulturanthropologischen Forschungsprojekts zur Globalisierung der Grippe und ihrer Auswirkungen auf die städtische Vorsorge dar.

06.05. | Linda Madsen (University of Oslo) | On the politics of cause and blame: How can STS and a topological approach contribute to the understanding of disease events?

Issue formations, processes through which things are being made real, or so-called ordering processes are common objects of investigation within the field of Science and Technology Studies (STS). This lecture will discuss how ordering and re-ordering may be studied through processual-, relational- and performative approaches developed within the field of STS. Integral to these approaches is the attention on transportation or mobility of matters in time and space. Thus, topological approaches, which draw on resources from mathematics, alert us that spatiality is neither fixed nor given; like all kinds of order, spatiality comes in various forms. These may be conceptualized as region,- network-, or fluid space – to mention some. One spatial form does not dispel another. Contrary, various spatialities may well co-exist. Spaces might be separated by borderlines, and they might be connected by borderlands. How we think with and about space has implications for how we, through our analysis, are ordering the reality we seek to understand.

Based my research of avian influenza in Turkey and beyond, I want to discuss how STS and a topological sensitivity can contribute to understand disease events. As this and other studies show, the way we come to know disease, how mechanisms for emergence and spread of disease are being understood, and how cause and blame relations are being enacted are biopolitical matters; they influence (and are influenced by) the way lives (bios) are governed.

13.05. | Katrin Amelang (Universität Frankfurt) | Fast normale Alltage? Normalisierungsprozesse nach einer Organtransplantation

Was gilt für wen als normal? Diese Frage ist eine kulturanthropologische Kernfrage, liegt sie doch jeder vergleichenden Untersuchung kultureller Selbstverständlichkeiten zugrunde. Aussagen über das Normale sind beschreibend und normativ zugleich, wobei Vorstellungen von (Nicht-)Normalität stets mit der jeweiligen sozialen, politischen und moralischen Ordnung verknüpft sind. Im Mittelpunkt des Vortrages stehen Prozesse und Praktiken der Normalisierung. Diese werden am Beispiel des Lebens nach einer Organtransplantation (also nach einer gesundheitlichen Krise und einem außergewöhnlichen medizinischen Eingriff) verhandelt. Zum einen wird auf der Basis ethnografischen Materials gezeigt, welche Akteure, Mittel, Messverfahren und Arbeiten in die Herstellung und Aufrechterhaltung ‚transplantierter‘ Normalität involviert sind. Zum anderen werden über den medizinischen Kontext hinausgehend Anknüpfungspunkte für die generelle kulturanthropologische Auseinandersetzung mit Normalisierungsprozessen zur Diskussion gestellt.

20.05. | Verena Kuni (Universität Frankfurt) | Alles unter Kontrolle: Selbstoptimierung unter Netzbedingungen

27.05. | Martina Klausner (HU Berlin) | Vom Diagnostizieren psychiatrischer Erkrankungen: Standards und Skills in psychiatrischen Wissenspraktiken

Psychische Erkrankungen sind hinsichtlich ihrer Symptome und Ursachen oft nicht eindeutig zuzuordnen und schwer voneinander abzugrenzen. Auch gelten Übergänge zwischen Störungsbildern bis heute als fließend. Basierend auf meiner ethnografischen Forschung in einer psychiatrischen Klinik diskutiere ich den Vorgang des Diagnostizierens im Stationsalltag als kontinuierlichen interaktiven und koproduktiven Prozess, an dem klinische Standards ebenso involviert sind wie das Erfahrungswissen der beteiligten Professionellen und Patient/innen. Kritisch zu fragen bleibt, wie offen die so hergestellten Diagnosen für Revisionen sind und welche normative Wirkung gerade das Erfahrungswissen der Beteiligten entfaltet.

03.06. | Susanne Bauer (Universität Frankfurt) | Virtuelle Experimente: Datenökonomien der Gesundheitsforschung

Der Vortrag fokussiert exemplarische Settings und Infrastrukturen der Gesundheitsforschung. Ausgehend von konkreten Praktiken, Instrumenten und Datenbanken wird danach gefragt, welche sozialen Relationen und Ordnungen durch sie in Kraft gesetzt werden. Biomedizinisch-epidemiologische Daten werden dabei nicht als Repräsentation von Wirklichkeit, sondern als in dynamischen Praktiken hervorgebrachte Konfigurationen untersucht. Welche Relationen von Ökonomie, Körpern und Daten, von Kollektiv und Individuum setzen die verschiedenen Settings des Experimentierens mit großen Datenbanken in Kraft? Welche Interventionsoptionen legen diese Wissenspraktiken nahe, wenn sie zwischen Disziplinen und Kontexten wandern? Welches Wissen bringen sie hervor und wie ordnen und organisieren sie Wissenschaft und Alltag?

10.06. | Janina Kehr (Universität Zürich) | Metis Medicine: Treating Tuberculosis in the Northern Clinic

17.06. | Kerstin Poehls (Universität Hamburg) | Raffiniert & reguliert: Das Handels- und Konsumgut Zucker im Blick der Kulturanthropologie

Die „süße Macht“ Zucker prägte(e) Geschmackslandschaften, Konsummuster und Handelsbeziehungen. Der Vortrag zielt darauf ab, den Blick für alltägliche Bedeutungen und soziale Verwendungskontexte des Lebensmittels sowie für dessen globale Spuren und (post-)koloniale Verstrickungen zu schärfen.

24.06. | Rachel Douglas-Jones (IT University of Copenhagen) | Where Audit and Hospitality Meet: Biomedical Research Governance in the Asia-Pacific Region

In examining practices in the governance of biomedical research, anthropologists have begun to pay attention to the social dynamics of ethics review processes. Central to how biomedical research is governed worldwide, ethics review committees meet to assess the validity of proposed studies and evaluate a range of ethical issues associated with conducting trials of drugs and technologies on human subjects. As clinical trials have expanded over the last decade to become increasingly multi-sited, more ethics review committees have been established around the world. This Colloquium presentation offers anthropological insight into the capacity building activities of recently established committees the Asia-Pacific region. In order to be recognised as part of the governing apparatus of biomedicine, committees are choosing to train and over 100 to date have undergone a quality assurance process called the “Survey”. Conducted by members of the WHO funded Forum of Ethics Review Committees of Asia and the Pacific, Surveys borrow techniques from the worlds of audit, interviewing, observing and assessing paperwork. However, as they carry out their work, the Survey team has to negotiate the fine line between critique oriented at quality, and supportive acts which maintain the bonds of friendship which the Forum’s network is built upon. By drawing together contemporary research on audit cultures with longstanding anthropological interests in hospitality, the presentation puts forward the case for the place of ethnographic enquiry and anthropological reflection in these processes at the heart of the governance of biomedicine.

01.07. | Endre Dányi (Universität Frankfurt) | Living (better) with social problems: a preliminary analysis of drug politics in Hungary

A central promise of liberal democracy is that it can deal with any problem relevant for a political community in a standardised way. Parliaments are probably the clearest manifestations of this promise: these grandiose, historically and culturally specific political machines handle problems primarily through legislation, and by doing so perform politics as a series of debates among well-defined parties that lead to clear decisions. But how does legislation relate to other modes of performing politics? This paper addresses this question by exploring the relation between the drugs law in Hungary and a Budapest-based civil organisation’s attempt to establish a country-wide harm reduction programme. While the former prides itself on being Europe’s strictest drug regulation that aims at solving drug use by making it invisible, the latter seeks out (better) ways of living with drug addiction by making it visible differently. Based on preliminary ethnographic fieldwork, this talk looks at how the proposed harm reduction programme re-conceptualises drug use as a social problem, and how, in turn, this re-conceptualisation process opens up new possibilities of doing politics within a parliamentary democratic setting.

08.07. | Sven Bergmann (Charité Berlin) | Was ist in einer Keimzelle enthalten? Klassifikation und Imagination in der Reproduktionsmedizin

 

 

Archiv:

Das Masterkolloquium „Ökonomie – Technik – Praktiken“ wurde im Sommersemester 2014 am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie durchgeführt. Hier finden Sie einen Überblick über die damaligen Vorträge.